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Vereine - Erich Kirchler

Erich Kirchler

"Die Psychologie ist international sehr gewachsen"

Erich Kirchler
Aufgewachsen in:
Mühlen
Ausgewandert nach:
Wien
Im Jahr:
1979
Ausbildung:
Dr.-Phil. in Psychologie
Beruf:
Uni-Professor, Leiter des Instituts für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation an der Universität Wien

Erich Kirchler hat Karriere gemacht. Als Leiter des Instituts für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation an der Universität Wien zählt er europaweit zu den führenden Fachleuten im Bereich der Wirtschaftspsychologie. Der aus Mühlen stammende Uni-Professor erforscht das Verhältnis von Mensch und Wirtschaft. Südtirol Online sprach mit Kirchler darüber, warum wir den Euro immer als Teuro empfinden und warum wir nicht immer das Günstigste kaufen.

RB: Heutzutage ist jeder Hobbypsychologe. Freut Sie das oder sind Sie genervt über das viele Halbwissen?

Kirchler: Der Begriff Psychologie wird sehr unterschiedlich verwendet. Alle glauben wir Psychologen zu sein. Viele Menschen wissen ja auch tatsächlich über sich und über das Verhalten der anderen. Deshalb ist natürlich die Möglichkeit groß, dass Menschen Dinge denken, die gar nicht falsch sind. Nur wird viel dilettiert. Wenn man keine Erklärung dafür hat, wie etwas funktioniert, dann heißt es, es sei psychologisch. Das ist die Erklärung dafür, dass wir etwas nicht kennen und nicht kennen werden. Dieses Halbwissen regt mich nicht auf. Wir Psychologen müssen hier halt Aufklärungsarbeit leisten, um zu zeigen, dass Psychologie viel komplexer ist, als man glaubt.

RB: Wird die Heilwirkung der Psychologie überschätzt?

Kirchler: Ich glaube nicht, dass die Psychologie überschätzt wird. Ich glaube, dass manche Psychologen überschätzt werden. Auch die Medizin wird nicht überschätzt. Es ist halt nicht jeder Arzt gleich gut. Eine verantwortliche Psychologie, die weiß, wo ihre Grenzen liegen, und auch eine „Werkzeugkiste“ hat und ein Problem gut analysiert, bietet heute wesentlich mehr, als noch vor Jahren. Die Psychologie hat sich, was das Verhalten und das Erleben der Menschen anlangt, sehr viel Wissen angeeignet. Mit diesem theoretischen und praktischen „Werkzeug“ müssen Psychologen allerdings sorgfältig umgehen.

RB: Wo liegen die Grenzen der Psychologie?

Kirchler: Die Psychologie kann nicht eine Theorie für jeden einzelnen finden, sondern nur allgemeine Theorien erstellen. Jeder Mensch ist ein Individuum, jede Person ist einzigartig. Theorien sind im Allgemeinen gut, können aber im Einzelfall versagen. Ein Beispiel: Im Prater in Wien blüht im Herbst ein Kastanienbaum, auch wenn die Theorie sagt: Bäume blühen im Frühjahr. Im Einzelfall kann diese Theorie aber nicht passen. Wir wissen im Großen und Ganzen wie die Verhaltensweisen des Menschen sind. Viele Themen sind aber auch nicht bearbeitet, viel Wissen ist umstritten. Trotzdem gibt es viele Behandlungsmöglichkeiten. Im Einzelfall muss genau geschaut werden, was passend und was wirksam ist und was für eine Person annehmbar ist.

RB: Wie hat sich Psychologie in den vergangenen 30 Jahren entwickelt?

Kirchler: Die Psychologie ist international sehr gewachsen. Sie hat sich viel Wissen angeeignet und mittlerweile in verschiedensten Disziplinen Anerkennung gefunden. Früher war der Psychologe der Seelentröster, der Therapeut. Heute ist vielen Leuten bekannt, dass Psychologie wesentlich mehr ist als das. Das abnorme krankhafte Verhalten ist die Ausnahme und nicht die Regel der psychologischen Untersuchung. Im Großen und Ganzen beschäftigen wir uns mit dem Alltag in all den Facetten des Lebens.

RB: Sie haben in den vergangenen Jahren vor allem im Bereich Wirtschaftspsychologie geforscht. Zahlen Sie gerne Steuern?

Kirchler: Nein, ich glaube, dass niemand gerne Steuern zahlt. Aber ich bin relativ einsichtig, dass Steuern sinnvoll sind, wenn die Gelder von Seiten der Regierung effizient und ökonomisch genutzt werden, und damit öffentliche Güter geschaffen werden, an denen wir alle teilhaben.

RB: Silvio Berlusconi hat als Ministerpräsident öffentlich gesagt: „Wenn der Staat zu viele Steuern verlangt, ist es moralisch gerechtfertigt, Steuern zu hinterziehen.“ Welche Auswirkungen hat so ein Satz?

Kirchler: Der Satz ist sehr banal, und wenn er so gesagt wird, dann wird sicherlich die Tabu-Grenze für Steuerhinterziehung sehr weit heruntergesetzt. Ich glaube, so ein Satz ist unverantwortlich und wird die Steuermoral zumindest nicht fördern.

RB: Können Sie Länder nennen, in denen die Leute relativ zufrieden sind, mit den Steuern die sie zahlen, weil sie sagen: Von den Steuern, die ich zahle bekomme ich vom Staat gute Leistungen.

Kirchler: Ja, ganz deutlich in der Schweiz, in den Kantonen, in denen eine direkte Demokratie besteht. Dort ist die Steuermoral erwiesenermaßen am Höchsten, gefolgt von den USA und von Österreich.

RB: Wo ist die Steuermoral besonders niedrig?

Kirchler: In den nordeuropäischen Ländern ist die Steuermoral höher als in den mediterranen Ländern Europas, wo sie besonders niedrig ist.

RB: Warum?

Kirchler: Die Steuermoral hängt von vielen Bedingungen ab. Eine besonders wichtige ist das Vertrauen der Staatsbürger in den Staat und die Regierenden und deren direkter Einfluss auf politische Angelegenheiten.

RB: Sie haben mit einem Architekturstudium begonnen, als sie noch Student waren, haben es dann aber abgebrochen und sich für ein Psychologiestudium entschieden. Warum?

Kirchler: Ich habe Architektur studiert, weil ich sehr interessiert war an der Gestaltung. Als ich gemerkt hatte, dass der Großteil des Studiums sehr technisch ist, habe ich mich entschieden, das Studium nicht weiterzuführen. Ich habe dann Psychologie studiert und bin draufgekommen, dass Psychologie meines ist und Architektur nicht.

RB: Wann haben Sie zum ersten Mal den Begriff Wirtschaftspsychologie gehört?

Kirchler: Als ich Assistent an der Universität Linz war. Während meiner Forschung habe ich dann gemerkt, dass es Aspekte gibt, die in der Psychologie eigentlich so gut wie ausgeblendet werden. Ich habe mich für den Umgang der Menschen mit Geld interessiert. Geforscht habe ich in dann mehrere Jahre lang u.a. über Entscheidungen in privaten Haushalten. Dabei ging es z.B. um Fragen, wie die Familien mit Geld umgehen, die das meiste Geld haben, und oft nicht die rationale Entscheidungen treffen.

RB: Was ist bei den Studien herausgekommen?

Kirchler: Wenn man Leuten ein Thema gibt und sagt: Entscheiden Sie dieses oder jenes, dann treffen sie eine Entscheidung. So passiert es aber im Alltag nicht. Im Alltag sind diese spezifischen Kaufentscheidungen eingebettet in eine Vielfalt von Entscheidungen, die täglich zu fällen sind. Entscheidungen können nicht als isolierte Verhaltensweisen gesehen werden, sie werden oft nicht rational getroffen. Entscheidungen können nicht verstanden werden, wenn man nicht die anderen Ziele, die gleichzeitig verfolgt werden, kennt.

RB: Zum Beispiel?

Kirchler: In Familien werden Entscheidungen beispielsweise nicht nur über die Geldfrage entschieden, sondern auch abhängig von Beziehungszielen. Man setzt sich also nicht über irgendetwas hinweg, nur damit die finanziell günstigste Entscheidung getroffen wird, sondern so, dass alle in der Familie einigermaßen mit einer Entscheidung leben können. Es ist also eine „suboptimale“ Entscheidung was Finanzen betrifft, aber insgesamt besser als die finanziell optimale Entscheidung, weil es die Ziele familiärer Beziehungen berücksichtigt. Das ist in der Literatur so gut wie gar nicht berücksichtigt worden.

RB: Welche Schwerpunkte gibt es derzeit in der Wirtschaftspsychologie?

Kirchler: Seit Daniel Kahneman den Nobelpreis im Jahr 2002 bekommen hat, ist die Frage, wie Menschen Entscheidungen treffen, ein wichtiges Thema.

RB: Wofür hat Kahneman den Wirtschaftsnobelpreis bekommen?

Kirchler: Kahneman hat - stark zusammenfassend gesagt - herausgefunden, dass Menschen in Situationen, in denen sie in kurzer Zeit komplexe Informationen verarbeiten müssen, überfordert sind, und sogenannte „Abkürzungen“ wählen, die manchmal in die Irre führen.

RB: Können Sie einige Beispiele nennen?

Kirchler: Darunter fällt fast jede Art von Finanzentscheidung. So gut wie keine Entscheidung ist sehr einfach, außer die Entscheidung zwischen 100 Euro oder 1000 zu wählen. Aber dann wird es schon relativ schnell komplex. Wir tun uns schwer, in diesen Situationen nach Regeln der Logik vorzugehen und nehmen dann Abkürzungen, sogenannte Heuristiken die gut sind weil sie uns Zeit sparen helfen, aber manchmal auch falsche Lösungen bieten. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Menschen, je nach Präsentation eines Falles, unterschiedliche Entscheidungen treffen. Ob ein Glas halb voll dargestellt wird oder halb leer, macht einen großen Unterschied.

RB: In Italien hat sich in der Öffentlichkeit die Meinung festgesetzt, ob berechtigt oder nicht, dass durch die Einführung des Euro die Preise sehr stark gestiegen sind. Hat es dazu Studien gegeben?

Kirchler: Ja, die Preiswahrnehmung war ein wichtiges Thema in der Wirtschaftspsychologie. Die Menschen sind der Meinung, die Preise sind gestiegen und haben die Ursache im Euro gesehen. Gleichzeitig haben die offiziellen Statistiken aber gezeigt, dass diese Kluft zwischen subjektiver Inflation und objektiv gemessener Inflation dieses Gefühl insgesamt nicht bestätigt. Das Problem ist: Die Preise sind nach der Euro-Einführung nicht alle gleich geblieben, die Preise sind aber auch nicht in der Vergangenheit gleich geblieben; manches ist teurer, manches ist billiger, manches unverändert geblieben. Mit der Einführung des Euro wurde das nicht anders. Aber wenn man davon überzeugt ist, die Preise sind gestiegen, dann findet man Beispiele dafür, die die eigene Meinung belegen. Man blendet sozusagen aus der Wahrnehmung all das aus der eigenen Meinung aus, was dieser nicht entspricht. Und deshalb hat (scheinbar) jeder Recht.

RB: War das in allen Ländern Europas so?

Kirchler: Ja, es war nicht in allen Ländern gleich stark, aber es war in allen Ländern so. Es gibt eine Untersuchung aus Irland, wo die Geldillusion gegenläufig hätte sein müssen, weil ein irisches Pfund mehr wert ist als ein Euro. Dem war aber nicht so. Wir selbst haben in Österreich eine Untersuchung durchgeführt, bei der Personen Menükarten einer Pizzeria in Schilling und in Euro vorgelegt habe. Wir haben dann die Preise in Euro einmal um 15 Prozent angehoben, einmal gleich gelassen wie die Schilling-Preise und einmal haben wir sie um 15 Prozent reduziert. Das Ergebnis der Untersuchung: Immer wenn die Preise in Euro angegeben wurden, haben alle Testpersonen die Preise höher bewertet, als in Schilling. Wenn das Ganze hingegen bei Löhnen gemacht wird, ist das interessanterweise nicht so.

RB: Wirtschaftspsychologie erforscht auch das Thema Werbung. Beeinflusst Werbung die Kaufentscheidung bei Leuten und wenn ja in welchem Ausmaß?

Kirchler: Das Ausmaß wissen wir nicht und auch nicht, welche Werbung am Besten wirkt. Wir wissen aber, welche Kriterien wichtig sind, um in der Werbung erfolgreich zu sein. Zur ersten Frage, beeinflusst Werbung das Kaufverhalten: Ja.

RB: Obwohl wir mit Werbung überschüttet werden?

Kirchler: Deswegen geht sehr viel Werbung „den Bach hinunter“. Sehr viel Werbung hat keine Wirkung, viel Werbung hebt sich auch auf mit konkurrierenden Werbungen. Aber keine Werbung zu machen ist auch nicht gut. Generell gilt, dass wir bei den meisten Gütern, außer bei Strom und ähnlichen nicht beachteten Gütern, nicht den Grundnutzen kaufen, sondern das Symbol. Wir ziehen uns ja nicht nur irgend etwas an, damit wir uns vor Kälte und Nässe schützen. Eine Modemarke wird durch Werbung geprägt und stiftet Identität. Kleider kaufen wir also, um damit unsere Identitätszugehörigkeit zu einer Gruppe zu unterstreichen und um uns von einer anderen Gruppe, zu der wir nicht gehören wollen, zu unterscheiden. All das ist ganz wichtig, weil wir und unser persönliches Umfeld dadurch geformt werden. Allein deshalb ist Werbung wirksam und wichtig. Dass sie uns lästig ist, ist auch richtig. Trotzdem funktioniert sie.

RB: Welche Art von Werbung hat den größten Wirkungsgrad?

Kirchler: TV-Werbung, mehr als Print- und Radiowerbung. Generell gilt: Je mehr eine Person von Werbeinhalten angesprochen wird, desto mehr hat Wirkung hat sie. Nur wissen Werbeleute immer noch nicht, ob ein Plakat das sie entwerfen, auch tatsächlich wirksam ist. Werbe-Fachleute sagen, dass 50 Prozent eines jeden Werbe-Euros verpuffen.

RB: Welche Kriterien sind für Werbung wichtig, neben Sex?

Kirchler: Emotionen, also Gefühle, sind ganz sicherlich wichtig. Auch die Themen Natur, Reinheit, Fortschritt und Abenteuer sind wichtig. Humor ist sehr wichtig, denn damit überzeugt man viele Leute. Humor verringert die Abwehrhaltung vor Werbung. Aber wenn alle jetzt lustige Werbung machen und alle in Rot werben, und alle mit denselben Klischees kommen, dann ist solche Werbung auch nicht mehr effizient. Werbeinhalten müssen sich von konkurrierenden Werbespots abheben.

RB: Seit einigen Jahren herrscht in Europa - wirtschaftlich gesehen - eine negative Stimmung. Ist dafür tatsächlich ein schlechteres wirtschaftliches Umfeld verantwortlich oder entsteht eine negative Stimmung auch unabhängig davon?

Kirchler: Ich glaube, dass die Konsumentenstimmung von den Erfahrungen, den Vergleichen der Vergangenheit und den finanziellen Aussichten der Zukunft abhängt. Besonders wichtig ist in diesem Bereich die Art der Information, die die Konsumenten bekommen. Ich spreche hier über die Medien und über die Meinungen der Politiker und Wirtschaftstreibenden, die von den Medien wiedergegeben werden. Man weiß beispielsweise, dass die Absatzzahlen in der Stadt New York sinken, wenn auf der Titelseite der „New York Times“ über einen Mord berichtet wird. Wenn es um mehrere Morde geht, dann verdoppelt sich das Ganze. Man kann von der Stimmung der Konsumenten ablesen, was Konsumenten planen. Wenn wir täglich von der Globalisierung, der Euro-Einführung, der Arbeitslosigkeit, von Katastrophen und weiß ich was alles, hören, dann werden wir unsicher. Und Unsicherheit führt dazu, dass wir eher ängstlich sind und sparsam werden. Das fördert das Wirtschaftswachstum nicht.

RB: Aber Medien sind nur ein Teil der Realität. Werden die Menschen von der Realität beeinflusst, oder von den Medien, die diese Realität wiedergeben?

Kirchler: Ich kenne keine Realität, außer der „konstruierten“, die jeder für sich wahrnimmt.

RB: Aber die Medien spiegeln nur eine gewisse Realität wieder.

Kirchler: Die Medien sind Teil der Konstrukteure einer Realität. Und auch wenn der Spiegel nicht das Bild oder die Person ist: So wie gespiegelt wird, so wird eine Person sich wahrnehmen, erleben und sich verhalten. Also richten sich die Menschen an dem aus, was sie lesen, hören, sehen. Und insofern ist die Macht der Medien nicht nur sprichwörtlich, sondern überhaupt nicht zu überschätzen.

RB: Also glauben Sie, dass Medien eine gewisse Stimmung erzeugen können, die vielleicht jeder Grundlage entbehrt?

Kirchler: Man kann nicht sagen, dass die Medien etwas schreiben und alle werden panisch. Es ist ein Wechselspiel der Meinungen und Erfahrungen, aber in diesem Wechselspiel der Meinungen und der Sichtweisen haben die Medien eine unglaublich wichtige Rolle und deshalb auch große Verantwortung. Dass heute schnell etwas geschrieben und am nächsten Tag wiederrufen wird und dann am nächsten Tag wieder behauptet wird, das ist an sich eine Unkultur und trägt zur Verunsicherung bei.
Täglich muss etwas Neues geschrieben sein, so dass wir erstaunt sind aber schnell auch wieder abkühlen. Die Leute haben zunehmend den Eindruck, sie können eh nichts tun und so entsteht eine Resignation. Das macht pessimistisch und das macht auch Angst. Ich bin überzeugt, dass Medien, dass Politiker, dass Personen, die etwas zu sagen haben und auch gehört werden, über die Medien her an die Bevölkerung kommen, also dass sie im Wesentlichen die Realität schaffen.

RB: Sie sind im Januar 2005 für ein Forschungssemester nach Australien gegangen. Warum nach Australien?

Kirchler: Weil es in Australien an der Australian National University in Canberra ein Zentrum gibt, das sich sehr intensiv und sehr erfolgreich mit Regulation in einer Gemeinschaft beschäftigt. Besonders interessiert hat mich das Thema Steuern, das man in Australien auch deshalb gut erforschen kann, da es dort vor wenigen Jahren eine Steuerreform gegeben hat. Das australische Modell wurde hoch gelobt und gleichzeitig verteufelt..

RB: Gab es beim Thema Steuern in Australien innovative Punkte, die in Europa nicht erforscht werden?

Kirchler: Ja. Was ich besonders innovativ finde ist der Ansatz, den Steuerzahler als einen Kunden zu betrachten, und entsprechend die Steuergesetzgebung aber auch die Steuerprüfungen zu vereinfachen und Personal zu schulen. Der Staat soll nicht ein Räuber-Polizist-Spiel spielen, sondern die Steuerzahler als Gleichberechtigte behandeln. Er soll davon ausgehen, dass Steuerzahler an sich gewillt sind, aber aufgrund der komplexen Steuerzahlung oft nicht ehrlich ihre Steuern zahlen können.

RB: Herr Kirchhoff hat in Deutschland versucht, ein sehr radikales, einfaches Modell durchzusetzen. Wie stehen Sie zu diesem Vorschlag?

Kirchler: Ich bin überzeugt, dass in allen Ländern, in denen an der Steuergesetzgebung gearbeitet wird, die Steuergesetzgebung viel zu komplex ist. Es kennen sich nicht nur der Steuerzahler nicht aus, es kennen sich die Steuerprüfer und die Steuerberater oft nicht mehr aus. Es gibt viel zu viele Regeln, Regulationen und Novellierungen. Unklarheit führt aber zu Ablehnung. Was in Australien groß propagiert wird ist, dass man von all diesen Mini-Regelungen wegkommen muss und auch in der Steuerlandschaft Prinzipien definieren muss, die klarstellen, wie ein Staatsbürger sich zu verhalten hat. Das Problem, das wir heute haben, ist nicht die Steuerhinterziehung, sondern die Steuervermeidung, die legal ist. Das führt nicht nur dazu, dass der Staat viel Geld verliert, weil es sich Firmen und auch reiche Personen mit guten Beratern entsprechend „richten können“, sondern auch zu Ungerechtigkeits-Wahrnehmung und damit zu Steuerwiderstand bei allen Bürgern, die sich eben nicht einen cleveren Steuerberater leisten können. Damit es im Staat funktioniert, muss der Bürger davon überzeugt sein, dass fair gehandelt wird, so dass ich den Behörden, den Beamten und den Institutionen vertrauen kann. Dieses Vertrauen wird nur durch Klarheit und durch transparentes und gerechtes Verhalten gefördert, sonst geht es verloren.

RB: Wie blicken Sie auf die Zeit in Australien zurück?

Kirchler: Australien ist traumhaft und es war eine traumhafte Zeit. Zum einen weil ich wirklich in Ruhe und mit Muße forschen konnte. Zum anderen ist Australien tatsächlich das Land, das ich nicht nur wegen den Naturschönheiten schätze. Das Leben ist „easy“, die Leute sind außergewöhnlich freundlich. Das Land bietet meiner Meinung nach einen sehr hohen Lebensstandard, die Balance zwischen Arbeit, Freizeit wie auch der Umgang miteinander ist besonders fortschrittlich.

RB: Haben Sie überlegt vielleicht in Australien zu lehren?

Kirchler: Wenn ich ein Angebot bekäme, würde ich es berücksichtigen.

RB: Warum haben Sie eigentlich die akademische Karriere eingeschlagen?

Kirchler: Ich kann nicht mehr behaupten genau zu wissen, warum ich mich dafür entschieden habe.

RB: Einige Mutmaßungen?

Kirchler: Oft passieren Dinge, die im Nachhinein vernünftig „gemacht“ werden. Ich glaube ein Grund war der, dass mich Wissen immer interessiert hat. Was ich gelernt habe, hat mich auch interessiert. Ich habe als Handelsschüler der Kaufmännischen Lehranstalt in Bruneck immer im Sommer gearbeitet. Ich habe gekellnert und habe deshalb gewusst, dass ich nicht immer kellnern möchte. Es war wichtig für mich, mich mit Wissen zu beschäftigen. Mir war klar, dass ich wenig weiß und nur ein Studium Möglichkeiten bietet, zwischen Arbeitsmöglichkeiten zu wählen. Im übrigen sind weitere fünf Mitschüler aus meiner Klasse nach Wien gegangen . Sie haben mich mitgezogen und ein bisschen habe auch ich gezogen, so dass ich letztendlich diesen Weg und nicht einen anderen eingeschlagen habe.

RB: Wollten Sie Uni-Professor werden?

Kirchler: Nein, von einer Uni-Professur hab ich nie geträumt. Ich hatte nach dem Studium die Möglichkeit, entweder in einem Betrieb in Deutschland Personalauswahl zu betreiben oder in Linz die Stelle eines Assistenten in der Sozial- und Wirtschaftspsychologie anzutreten. Dieser Bereich hat mich mehr interessiert. Aber auch die Tastsache, dass ich nicht zu weit weg bin von Wien, war mir sehr angenehm.

RB: Wussten Sie schon als Jugendlicher, dass Sie im Ausland arbeiten wollten?

Kirchler: Nein, obwohl mich immer die Welt interessiert hat. Aber ich hatte nie ein Gefühl verwurzelt zu sein, obwohl ich mich sehr wohl in Südtirol fühlte und nach wie vor fühle und weil ich mich dort auskenne, weil ich dort Wurzeln habe. Aber ich hatte nie die Präferenz, da muss ich bleiben, dort muss ich hin. Wenn man mich gefragt hätte, hätte ich wahrscheinlich die Antwort gegeben, ich will überall sein.

RB: Wie haben Sie das Südtirol Ihrer Jugendjahre in Erinnerung?

Kirchler: Ich war 18 Jahre alt, als ich Südtirol verlassen habe. Damals war Südtirol sehr stark auf der Suche nach einer eigenen Identität.

RB: Welche Jahre waren das?

Kirchler: Das war Anfang der siebziger Jahre. Es war die Zeit wo Südtirol meinte, sich schützen zu müssen. „Wir sind Wir“ hieß es damals und die Energie, die aufgewandt wurde, um das zu behaupten, hat aufgedeckt, dass diese Identität nicht da war, oder noch nicht gefunden worden war. Ich glaube allerdings, dass sich Südtirol viel mehr entwickelt hat und seine Chancen wesentlich besser genutzt hat, als viele andere Regionen.

RB: Wie hat sich Südtirol Ihrer Ansicht nach verändert?

Kirchler: Ich besuche meine Eltern und meine Geschwister in Südtirol zwei, drei Mal im Jahr. Dabei erlebe ich Südtirol als sehr aufgeschlossen und mit weitaus weniger Angst vor Öffnung von Grenzen als früher, im Gegenteil. Es ist eine große Neugierde da, was ich sehr positiv finde. Es gibt sehr viel Wohlstand, der manchmal Auswirkungen zeigt, die ich allerdings nicht so besonders positiv finde. Manchmal ist der Wohlstand schneller gewachsen als das Interesse für die Kultur. Aber prinzipiell ist es sicherlich heute ein Land mit einer sehr hohen Lebensqualität und mit sehr vielen Möglichkeiten.

RB: Haben Sie sich in Ihrem Heimatdorf Mühlen eingeengt gefühlt?

Kirchler: Nein, eingeengt ist der falsche Ausdruck. Es war aber bald bekannt, welche Möglichkeiten es gibt. Es war bekannt, wer welche Rollen zu übernehmen hat. Wenn man das eingeengt nennt, ja, dann habe ich mich eingeengt gefühlt. Aber ich würde es anders bezeichnen. Mich hat einfach mehr interessiert, als mir Mühlen bieten konnte.

RB: Kann es eine definitive Rückkehr nach Südtirol geben?

Kirchler: Ja, ich kann mir das durchaus vorstellen. Im Moment habe ich keine Pläne. Aber ich schließe es nicht aus. Südtirol hat unglaublich gewonnen in den letzten Jahrzehnten. Es ist ein sehr attraktives Land.

Interview: Rupert Bertagnolli

 

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